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Wenn Schwierigkeiten beim Lernen helfen: die Mechanismen hinter produktivem Scheitern

Rédaction Blog

Vor 8 Monaten

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Lesen Sie den ersten Artikel unserer neuen Serie rund um die Themen Lernforschung und -innovation, die wir in Zusammenarbeit mit dem LEARN-Center der ETH Lausanne (Federal Institute of Technology of Lausanne, Schweiz) veröffentlichen.

Die Autorin dieses Beitrags ist Dr. Jessica Dehler Zufferey, Executive Director am Center for Learning Sciences (LEARN) beim EPFL und ehemalige Leiterin für Forschung und Entwicklung bei Coorpacademy.

Innovationen in den Bereichen Lernwissenschaften und Bildungstechnologien stehen ganz oben auf der Agenda von Coorpacademy, da wir sie als entscheidend für unsere Mission betrachten, die Lernerfahrung auf unserer Plattform kontinuierlich zu verbessern und sie für Lernende noch persönlicher, flexibler und angenehmer zu gestalten.


Können die besten Lernprozesse nur in einem Umfeld stattfinden, in dem Fehler nicht nur akzeptiert, sondern als wertvolle Gelegenheiten zur Verbesserung von Fähigkeiten angesehen werden?

Wenn Sie auf der Coorpacademy-Plattform mit einem neuen Lernthema beginnen, haben Sie zunächst immer die Wahl, eingangs einige Fragen zu beantworten oder sich erst einmal das Lernmaterial anzusehen.

Intuitiv würde man denken, dass jemand mit hohen Vorkenntnissen zum Thema mit den Fragen beginnen, während jemand mit keinen oder nur geringen Vorkenntnissen eher mit dem Lehrinhalt anfangen und danach die Fragen beantworten sollte. Aber ist das wirklich die beste Vorgehensweise? Die Forschung zu einer Methode namens „produktives Scheitern“ kommt zum entgegengesetzten Schluss.

Wie funktioniert das? Ursprünglich entwickelt in Singapur von Manu Kapur, der mittlerweile als Professor an der ETH Zürich tätig und weltweit anerkannt ist, betont produktives Scheitern den positiven Charakter von Herausforderungen an den Lernenden. Beim Erlernen neuer Inhalte profitieren Lernende von einer ersten Phase kreativen und konzeptionellen Brainstormings, bevor sie sich den eigentlichen Inhalten, Informationen und Erklärungen zuwenden. Wenn Sie zum Beispiel etwas über Datenwissenschaft lernen möchten, sollten Sie zunächst einmal mit einigen Daten herumspielen, eigene anwendbare Methoden erfinden und mit dem experimentieren, was Sie selbst herausfinden können. Dabei ist die Qualität der von Ihnen entwickelten Ideen nicht sonderlich wichtig, da selbst falsche Ideen den produktiven Fehlereffekt erzeugen können. Für Kapur ist produktives Scheitern „die Vorbereitung auf das Lernen“, nicht das Lernen an sich.

Doch welche Auswirkungen hat dieses Vorgehen? Die Literatur zu diesem Ansatz zeigt, dass sich nach anfänglichem „Scheitern“ nicht nur das konzeptionelle Verständnis verbessert, sondern auch das Interesse und die Motivation für das Thema steigen. Ein wertvoller Nebeneffekt ist zudem das Training von Ausdauer und Beharrlichkeit. Darüber hinaus erhöht sich nach anfänglichem Scheitern die Anzahl der selbst entwickelten Ideen, sodass die Methode zusätzlich die Kreativität anregt.

Warum funktioniert das? Die kognitiven Lernmechanismen hinter dem Effekt des produktiven Scheiterns sind bereits recht gut erforscht. Erstens ist jede kognitive Aktivierung vorteilhaft für das Lernen, da sie das Gehirn in den „aktiven Modus“ versetzt. Zweitens ist jedes Lernen situationsgebunden, und durch die Entwicklung eigener Ideen schaffen sich Lernende selbst den Kontext, in den sie jedes anstehende Lernen einordnen können. Drittens bekommen Lernende durch die Entwicklung eigener Ideen vor dem eigentlichen Lernteil ein Gefühl für sich ähnelnde Probleme, sodass sie die zu erlernenden Inhalte in zukünftigen Situationen leichter anwenden und durch das Lernen ihre Leistung verbessern können.

Was bedeutet das für Sie als lebenslangen Lernenden? Wann immer Sie anfangen, sich mit einem neuen Thema zu beschäftigen, sollten Sie sich nicht direkt auf das Lernmaterial stürzen in dem falschen Glauben, dass Sie sich zunächst einmal ein grundlegendes Verständnis erarbeiten müssten. Nutzen Sie stattdessen diese erste „naive“ Phase und entwickeln Sie verschiedene – richtige oder falsche – Ideen. Erst nachdem Sie sich schon eine gewisse Zeit mit dem Lerngegenstand auseinandergesetzt haben, wenden Sie sich den eigentlichen Inhalten zu und geniessen den Lernprozess.

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